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Herausgeber: Guido Blumer & Roger Rutz.
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«Wandzeitung» am Obertor 32.

Die älteste Zeitungsform und gleichsam die modernste:
365 Texte im Jahr hängen während eines Tages an der Wand,
und sie werden tags darauf im Blog diskutiert.

 


So sauber, ohne Müll und voller höflicher Menschen:

Als Schweizer …

Wir alle leben in der Schweiz. Offensichtlich. Ausser, Sie sind Tourist und ganz zufällig auf meinen Artikel gestossen. Dann hallo! Willkommen in der Schweiz.

Nun haben natürlich alle Länder gegenseitig Vorurteile. Deutsche trinken nur Bier. Franzosen haben immer ein Béret auf. Und Italiener heissen alle Giovanni. Auch die Schweiz wird dabei nicht verschont. Aber was mir in den letzten Wochen auffiel, ist, dass nicht nur andere Länder uns gegenüber Vorurteile haben, sondern auch wir selbst unserer eigene Bevölkerung gegenüber.

Hier zwei Beispiele, welche mir in den letzten Wochen selbst passiert sind: Unser Schulhaus hat insgesamt vier Stockwerke. Auf jeder Etage gibt es eine Trennstation für Müll. Einen Eimer für Dosen, einen für Pet und einen dritten für anderen Müll. Als wir nach dem finalen Klingeln endlich in die Freiheit stürzten, um das wunderbare Wetter draussen zu geniessen, stellte ich fest, dass ich meine Tasche nur nicht schliessen liess, weil eine leere Pet-Flasche auf all meinen Schulbüchern lag. Doch an der Mülltrennstation war ich schon vorbei und vor mir stand verlockend ein normaler Abfalleimer. Schnell griff ich nach der Schulter meiner Freundin, sagte ihr dass ich die Flasche noch kurz wegwerfen müsse und eilte zurück zur Mülltrennstation, welche sich am anderen Ende der Etage befindet. Als ich wieder zu meiner Freundin zurückkehrte, meinte sie nur: «Du weisst, dass Du Schweizerin, wenn Du Dich schlecht fühlst, den Müll nicht trennst.»

Etwa zwei Tage später verliessen ich und dieselbe Freundin das Schulhaus ein weiteres Mal und stiegen erschöpft vom langen Schultag in den Bus, der uns nach Hause bringen sollte. Gemeinsam setzten wir uns nebeneinander hin und holten das Handy raus. (Ich weiss, alle Erwachsenen werden nun jubeln und sich darüber freuen, dass die heutige Jugend selbst zugibt, ununterbrochen auf das Smartphone zu starren. Was ich nicht tue. Aber in dieser Szene war es nun mal so.) Jedenfalls war diese Tat genug, um die vor uns sitzende Person in Rage zu bringen. Ich gehe nun nicht genauer darauf ein, was genau geschah, aber es war ein eher unangenehmer Zwischenfall. Jedenfalls, als ich am Wochenende meiner besten Freundin davon erzählte, fragte sie mich, weshalb wir denn nicht einfach woanders hingesessen seien. Ich antwortete, dass wir wohl gedacht haben müssten, dass sei unhöflich. Darauf lachte sie bloss und meinte: «Wenn Du Dir Sorgen darüber machst, Du seist unhöflich und deshalb nicht den Platz wechselst, während andere Leute Dich belästigen, bist Du eindeutig Schweizer.»

Vielleicht stimmen die Vorurteile, welche wir selber uns gegenüber haben. Vielleicht fühlen wir Schweizer uns schlecht, wenn wir nicht recyceln oder wenn wir unhöflich sind. (Natürlich nicht alle, sonst hätte die Szene im Bus wohl nicht stattgefunden.) Doch dies ist der Beweis, dass Vorurteile nicht unbedingt immer schlecht sein müssen, denn eigentlich sind das gar keine schlechten Eigenschaften. Als Schweizer lebt sich das Leben ziemlich gut. So sauber, ohne Müll und voller höflicher Menschen.


Noëlle Lee,
24.3.2017, 116. Jahrgang, Nr. 83.

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