Logo Wandzeitung
Herausgeber: Guido Blumer & Roger Rutz.
Archiv:   Blog:   Echo:   Home:   Kontakt:   Leitbild:   Partner:   Sponsoren:   Twitter

«Wandzeitung» am Obertor 32.

Die älteste Zeitungsform und gleichsam die modernste:
365 Texte im Jahr hängen während eines Tages an der Wand,
und sie werden tags darauf im Blog diskutiert.

 


Einfach wunderbar:

Khatia, Mario und Robert.

Alle drei zusammen: ein wunderbares Trio, ein wunderbarer Abend und ein wunderbarer Saal. Freitagabend in Zürich: die neue Maag-Tonhalle bei der Hardbrücke, voll besetzt, für mich eine Premiere, über diesen Saal habe ich bisher nur gelesen, mit Bedauern, weil ich den alten Tonhallesaal sehr geliebt habe; mit seinen Kronleuchtern, den bequemen Sitzen und der hervorragenden Akustik.

Und jetzt ein Provisorium! Meine Erwartungen waren nicht besonders hoch, die Überraschung dafür gewaltig. Nichts erinnert an den von mir während Jahren zweimal wöchentlich besuchten alten Saal, einiges dafür an das KKL. Konzertveranstalter Hochuli hat das Basler Kammerorchester für seine neue Konzertreihe gebucht, mit Mario Venzago als Dirigenten und Khatia Buniatishvili als Solistin. Nun, Mario kennen Sie sicher aus vergangenen Zeiten, als er in Winterthur das Orchester dirigierte und dann nach Heidelberg entschwand. Seit etwa dreissig Jahren haben wir uns nicht mehr gesehen, und ich muss sagen, dass sich seine Art zu dirigieren nicht sehr geändert hat, sein Aussehen auch nicht, er wirkt noch immer jung und frisch. Robert Schumann war der Komponist des Abends. Mit der Ouvertüre zu "Genoveva" begann der Abend, mit der dritten Sinfonie schloss er. In der Mitte war der Glanzpunkt des Abends, der das Publikum angezogen hatte: die georgische Pianistin Khatia Buniatishvili. Alle, die sie bereits auf YouTube gesehen hatten, waren da, um sie in echt zu erleben, und ich muss sagen, das hat sich tausendfach gelohnt. Die Art, wie sie Klavier spielt, ist einmalig: leicht, locker, perfekt, mit Ausdruck und Emotion. Und sie lässt die Kritiker, die oft bei jungen Talenten nur technische Brillanz bewundern, alt aussehen. Wie sie auch in den schwierigsten Passagen noch lächelnd ins Orchester blicken kann, wie sie die enge Verbindung zu ihm und dem Dirigenten sicht- und spürbar macht, das allein ist schon bewundernswürdig. Die Sinnlichkeit, mit der sie das Schumannkonzert interpretiert, die Rubati, überhaupt die Agogik, die Kraft und Dramatik, die sie überlegen dosiert, das macht den Abend zum Ereignis. Keine Angst, ich mache nicht in Konzertkritik, lieber dafür in Bewunderungsorgie.

Khatia weiss, was Schumann ist. "Manchmal denke ich, dass seine Musik schizophren ist, sie springt unvermittelt von einem Charakter zum anderen, ohne Vorbereitung, ohne Übergänge. Aber diese Schizophrenie bedeutet nicht Verrücktheit , sondern Genialität und Hypersensibilität des Komponisten." Und genau das bringt die Pianisten herüber, auf eine Art, die magisch ist, der man sich nicht entziehen kann.

Mario und Khatia sind ein wunderbares Duo, sie werden dieses Programm noch einige Male in Deutschland spielen. Khaita, die in Paris wohnt - wenn sie überhaupt von ihrem wie sie sagt "Vagabundenleben" - einmal ausruhen kann, lässt sich ihre gewagten Konzertkleider von ihrer Mutter entwerfen. Ok, sie darf zeigen, was sie hat...

Im Interview mit Thomas Schacher von der NZZ sagt sie ganz klar: "Kreativität ist weiblich". Und wenn sie Kreativität in einem Mann entdeckt? "Dann denke ich, dass das eine weibliche Eigenschaft ist." OK, liebe Kollegen!


André Bernhard,
19.1.2018, 117. Jahrgang, Nr. 19.

Winterthurs kleinste Zeitung der Schweiz.